Vorschriften definieren Grenzen, nicht aber den Inhalt

von Raffa

Nachdem mir das Amt mal nach lediglich einer einzigen Mahnung gleich mit einer Betreibung aufgefahren ist, habe ich mich bei demselben freundlich um Möglichkeiten erkundigt, um dieseselbe rückgängig zu machen. Als Antwort schickte mir das Amt strafende Worte über die Rechtslage und den Willen des Gesetzgebers aufklärend. Mir war es wie vor dem Scharfrichter, der aber, und wohl nur weil es Gesetz so von ihm verlangte, doch irgendwie zähneknirschend eine Möglichkeit erwähnte, wie das in Blut geschriebene Verdikt doch noch abgewendet werden könne. Wohl kein Heldentum, doch immerhin liess ich den Schrecken des Amtes nicht ganz kommentarlos bewenden …

Danke für Ihre informative Antwort. Nun, da es eine Möglichkeit zu geben scheint den Schaden zu beheben, schätze ich diese Sachlichkeit […]

Und um Ihnen darzulegen wie sehr mir faires Handeln in der Gemeinschaft – dazu zählt auch das rechtzeitige Einzahlen von Steuern – am Herzen liegt, habe ich die Gedanken, welche mir dazu eingefallen sind, hier notiert. Das einzige worum ich Sie für weitere Fälle bzw. andere Menschen bitte ist, nicht gleich schon nach der ersten Mahnung eine Betreibung einzuleiten, sondern vorher mit den Schuldnern zu kommunizieren. Den Rest, also die nachfolgenden Zeilen, bitte nur lesen, wenn Sie Lust dazu haben :o)


Jeder Mensch hat ein anderes Verständnis von Nehmen und Geben. Für das gemeinschaftliche Leben bedarf es einer gewissen Einigkeit darüber. Daher werden Regeln vereinbart, welche als Leitlinie für das Verhalten und Handeln aller Gemeinschaftsmitglieder dient. In einer grösseren Gemeinschaft, wie etwa einer Gemeinde oder einem Staat, bedarf es ausserdem eindeutiger und schriftlich Vorschriften und Gesetzte. Deren Vorteil ist, dass sie jedem Gemeinschaftsmitglied offen liegen und die Möglichkeit bieten, sich innerhalb der Spielregeln zu verwirklichen. Daher schätze und unterstütze ich das vergleichsweise gerechte und transparente System der Schweiz. Doch es lässt mich nicht vergessen, dass es auf einem wesentlichen Nachteil fusst. Nämlich jenem, dass einige Gemeinschaftsmitglieder die Vorschriften und Gesetze nicht als Orientierung für ihr Handeln zu Gunsten der Gemeinschaft nutzen, sondern, um wie in einem Spiel, diese bis an die Grenze auszunutzen, um sich auf die Kosten anderer zu bereichern.

Wie sieht das bei Unternehmern aus? Ein Unternehmen soll selbstverständlich innerhalb der geltenden Vorschriften und Gesetze funktionieren. Doch ist es abgesehen davon das Ziel eines Unternehmers möglichst viel Gewinn für die Eigentümer zu erwirtschaften, oder ist es das Ziel, das Leben möglichst vieler Menschen zu verbessern, z. B. durch sinnvolle Produkte und durch gute Arbeitsbedingungen? Obwohl die Antwort auf diese Frage für eine grosse Mehrheit der Menschen rethorisch scheint, schafft es eine Minderheit von Menschen, die Mehrheit vom Gegenteil zu überzeugen und sogar davon, dass diese es demokratisch verteidigen. Letzlich sind es im Verhältnis nur einige wenige grosse Gläubiger, welche völlig legal, also im Rahmen vereinbarten Vorschriften und Gesetze so viel Kapital angehäuft haben, dass sie vom Fleiss und den Zinsen ihrer Schuldner leben können, ohne selber dafür arbeiten zu müssen. Und Überschüsse werden teilweise sogar dafür eingesetzt, die Vorschriften und Gesetze weiter in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Vorschriften sind wie Grenzenlinien, sie definieren den Umriss, nicht aber das Wesentliche – den Inhalt.

Bei mir ist das Produkt des Unternehmens Chinesische Medizin (CM). Nicht jedermanns Sache, doch sehr viele Menschen, die körperlich oder seelisch leiden, sind sehr, sehr froh darum. Obwohl in der Schweiz die Allgemeinheit von dieser Heilkunst profitiert (rund 2000 Praktizierende der CM), und es den Regeln entsprechen würde, wird die Ausbildung nicht von der Gemeinschaft unterstützt. Dies sogar, obwohl gemäss eidg. Studien (PEK 2006) die Komplementärmedizin, allen voran die CM mindestens ebenso wirtschaftlich ist, wie die konventionelle Medizin. Um meine Ausbildung zu ermöglichen bzw. zu finanzieren, habe ich tagsüber gearbeitet, am Abend und den Wochenenden studiert. An den Steuern durfte ich davon nichts abziehen. Das ist okay, es war eine Zweitausbildung. Heute führe ich einen kleinen Betrieb mit gut bezahlten Mitarbeitern, karitativen Aktivitäten und fairer Debitorenpolitik. Wir unterstützen Menschen in schwierigen Situationen durch stark vergünstigte Honorare. Sogar einige Apotheken konnten wir dazu bringen, dabei mitzumachen. Wir drängen niemanden zur umgehenden Begleichung von Rechnungen, frühestens nach drei Monaten gibt es eine freundliche Erinnerung. Selbstverständlich ist dadurch die Liquidität des Unternehmens nicht immer so hoch und – wie sie ja einsehen können – ist auch mein eigenes Einkommen sehr bescheiden, zumal ich über längere Zeit sehr, sehr viele Arbeitsstunden vollbracht habe. Dennoch funktioniert das Unternehmen innerhalb des Systems, es ist gesund und wächst langsam aber stetig. Die Nachteile für die Gemeinschaft sind für mich im Gegensatz zu vielen Unternehmen, die Steuererleichterungen erhalten, schwer zu erkennen. Dass ich nun in einem System, dass die grossen Gläubiger für ihre Zwecke betreiben, auf einer schwarzen Liste stehen sollte, weil ich eine verspätete Zahlung leiste, stimmt mich traurig, und motiviert mich, etwas dagegen zu unternehmen… und Sie? Vielleicht haben Sie freiwillig diese Gedanken mitvervolgt und machen sich nun selber Gedanken darüber, das wäre schon ein kleiner Erfolg :o)

Herzliche Grüsse

 


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